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Ein Igelball für alle Fälle
Ich habe fertig! Die Phase meines krankhaften Kaufzwanges - egal ob bei Aldi, Rossmann oder Temu ist vorbei. Körper und Geist sind zum von mir ein Leben lang praktizierten Minimalismus zurückgekehrt. Wir alle tappen mehr oder weniger tagtäglich in die Werbefallen der wie auch immer gearteten Industrie. Unser Gehirn ist so darauf gedrillt, unterbewußte Reize aufzunehmen und zu verarbeiten, das wir meistens gar nicht merken, wie der uns innewohnende Allgorithmus unser Kaufverhalten steuert. Ich möchte meiner Nachbarin ein Geschenk machen, weil sie häufig von ihr selbst gekochtes türkisches Essen mit mir teilt. Ich kaufe eine Packung Prodomo, weil die Werbung mir suggeriert hat, dass das eine edle Kaffeesorte ist, die auch von George Clooney oder so favorisiert wird.
Heute beim Haarewaschen habe ich mit Erschrecken festgestellten müssen, dass ich eine ganze Batterie von verschiedenen Shampoos im Badezimmer stehen habe: für graues Haar, für fettiges Haar, für trockenes Haar, Shampoo mit Aloe Vera oder Schneckenschleim (soll besonders für die Haut gut sein, aber das Entnehmen des Schleimes muß für die Schnecke eine Qual sein). Damit kann ich mir für den Rest meines Lebens die Haare waschen. Genauso pervers verhält es sich mit den von mir in der Hälfte meines Küchenschrankes bevorrateten verschiedenen Reinigungsmittel: Glasreinger, Fettlöser, Edelstahlreiniger, WC Reiniger, Meister Propper, Teppichshampoo - you name it. Dabei putze ich nicht einmal selber sondern beschäftige einen Haushaltsengel.
Last not least kommt jetzt der Igelball ins Spiel: die Zipperlein werden nicht weniger und Verschleiß macht sich auch schon hier und da bemerkbar. Bei mir auf dem Nachttisch stehen die verschiedensten Tinkturen und Salben: Magnesiumöl für die Beine, Bienengift für die Schulter (die armen Bienen - hoffentlich sind sie nur an der Produktionsstätte vorbeigeflogen und nicht gemolken worden). Arnikacreme ist auch sehr beliebt bei mir, und Mückenschutzmittel für vor dem Stich und nach dem Stich. Meine Tattoo-Pflegemittel sind mir heilig. Die kommen garantiert nicht in den Müll.
Wenn dann bei mir wieder mal etwas zwickt und zwackt, weil ich Muskelkater habe (vom zuvielen auf der Couch rumliegen), ich mich verrenkt habe bei einem Niesanfall unter der Dusche oder Kalkablagerungen im Oberarm mich darauf aufmerksam machen, dass ich das Mindesthaltbarkeitsdatum demnächst überschritten habe, dann kommt der Igelball zum Einsatz. Mein bester Freund ist die Wärmflasche und demnächst werde ich mich für einen Meditationskurs anmelden - kein Scherz.
Und zum Schluß müssen auch noch die drei Eckpfeiler für ein ausgeglichenes, zufriedenes Lebens herhalten: Lieben, Lachen, Laufen.
Wenn ich nun darauf verzichte, all dieses überflüssige Zeug (und es gibt noch vieles mehr, das ich hier unerwähnt lassen möchte) zu kaufen, kann ich mir vielleicht meinen Traum, mit dem Zug einmal um die Welt zu fahren, erfüllen.
Träumen muß ja wohl noch erlaubt sein
Manche mögen’s heiß
ich oute mich gerne: ich bin schon seit Jahrzehnten passionierte Sonnen- und Sommerhasserin . Als Sonnenbräune noch ein Schönheitsideal und Statussymbol war, und ein Großteil der Deutschen sich auf dem Teutonengrill in Rimini oder auf Malle (das damals im Bildungsbürgertum als Putzfrauen-insel verrufen war -wie snobistisch und abwertend für einen Beruf, der so eminent wichtig , und zwar in allen und wenn ich allen sage, meine ich auch in allen Tätigkeitsfeldern) in die pralle Sonne legte, um möglichst einen Bräunungsgrad a la Roberto Blanco zu erreichen, saß ich irgendwo im Schatten und schlürfte einen Campari Orange (das in-Getränk der 70er) oder mied die heißen Gegenden total, denn auf den ostfriesischen Inseln, war es nie ganz so heiß, und seit der Erfindung des Strandkorbes konnte man den Kindern, natürlich gut mit Sonnencreme Lichtschutzfaktor 10 versorgt (50 kam erst zu Zeiten des Ozonloches auf den Markt) beim Sandburgenbau zuschauen.
Es ist 9 Uhr und Während ich hier sitze und reminizensiere (gibt es dieses Wort überhaupt?) nähert sich die Temperatur peu a peu der 30 Grad Marke. Wie alles im Leben hat meine Wohnsituation im obersten Stockwerk eines Hochhauses zwei Seiten . Ich habe einen wunderschönen Ausblick und keinen Mitbewohner über mir, der mir mit seinen Holzlatschen oder unangemessen lauter Musik auf die Nerven gehen kann. Andererseits staut sich die Hitze in einem unerträglichen Ausmaß, so das ich schon ernsthaft darüber nachgedacht habe, mich mit meinen Klappstuhl und ein bis drei Büchern bei Aldi in die Nähe der Kühlwaren niederzulassen. Da gibt es auch einen ausreichenden Vorrat an Wasser und wenn der kleine Hunger kommt auch Snacks in den verschiedensten Variationen. Apropos Wasser: Ich wundere mich immer wieder, dass die Getränkeindustrie so einen riesigen Umsatz mit Mineralwasser macht, dabei soll unser Leitungswasser in Bremen doch eins der besten in ganz Deutschland sein. Insbesondere unsere ausländischen Mitbürger schleppen Palettenweise, teils mit Kinderkarre oder ausgeliehenen Einkaufswagen, das Zeug nach Hause. Ab und zu spreche ich sie an, um ihnen Kosten und Schlepperei zu ersparen. Viele wußten gar nicht, dass hier das Leitungswasser Trinkwasserqualität hat, oder auch eine Standardantwort: Das haben wir schon immer so gemacht.!
Inzwischen haben die Vögel ihren Morgengesang eingestellt, wahrscheinlich um Energie zu sparen, und sich in schattigere Gefilde zurückgezogen.
Eine letzte Tasse Kaffee im Stehen, dann geht es ab auf die Couch, wo ich über kurz oder lang in einen komatösen Zustand fallen werde. So langsam aber sicher schnappt die Einsamkeitsfalle bei mir zu. Ich habe seit drei Tagen die Wohnung nicht mehr verlassen: kein Sport, kein Tanzen, kein English breakfast Club, kein Kino, kein Besuch. Bewegung bei Hitze tut mir nicht gut. Verhungern oder Verdursten werde ich nicht. Was das angeht bin ich ein Preper: Wasser ( selbstredend aus der Leitung) und Brot sind immer vorhanden. Noch schnell den morgendlichen Einsatz an der Balkonpflanzenfront. And then I call it a day!!!
Früher war ich Minimalistin
Und mein Leben war einfach, und ich lebte in der Illusion, nicht ganz so viele Ressourcen zu verbrauchen, wie andere Menschen in unserer konsumorientierten, auf Wachstum basierenden Gesellschaft, um damit auch dem Klimawandel ein Schnäppchen zu schlagen, indem ich meinen persönlichen CO 2 Fußabdruck reduziere und nur das kaufe, was ich zum Leben dringend benötige. Ein bißchen Luxus darf natürlich dabei sein, wie mein heißgeliebter Twingo und mein IPhone sowie Tablet, die ich beide höchstens zu 5% zu nutzen weiß, aber immerhin kommunikationsförderlich ist.
Ich lebte ein Leben, in dem ich mit den Kindern auch mal mit dem Fahrrad in den Urlaub fuhr, so z.B nach Dänemark oder Holland. Auch zur Arbeit ließ sich das Fahrrad, wenn es nicht gerade in Strömen regnete oder extreme Minusgrade herrschten (das gab es vor dem Klimawandel auch in Bremen noch) einsetzen. Meine Küchenausstattung war minimalistisch. Keine Mikrowelle, kein Airfryer (den ich inzwischen mein eigen nenne) keinen Kaffeeautomaten, ein Porzellanfilter mit einem Papierfilter macht auch sehr guten Kaffee, Latte Macchiato und Espresso gab es, wenn es denn mal gewünscht wurde, in einem Café. Eine Stereoanlage mit dem besten Sound aller Zeiten, haben wir auch nie besessen. Ein stinknormaler Plattenspieler hat unseren ungeschulten Ohren auch Genüge getan. In Kanada habe ich dann gelernt Wasser zu sparen. Das Trinkwasser mußte ich von der 6 km entfernt liegenden Quelle eigenhändig in 10 Liter Kanistern nach Hause schleppen, und das Brauchwasser wurde per Tankwagen angeliefert. Da wurde jeder Tropfen recycelt. In meiner Cabin kam der Strom nicht aus der Steckdose sondern mittels eines kleinen Generators, den ich aber auch nur anwarf, wenn ich alle sechs Wochen mal den Staubsauger zum Einsatz bringen wollte.
Und dann kam Temu in mein Leben, und ich wurde ein anderer Mensch. Zuerst wollte ich nur mal schauen, was es alles für Schrott im Angebot auf diesem Planeten gibt. Plötzlich wurde mir bewußt, dass es Dinge gibt, von deren Existenz ich bis dato niemals erfahren hatte. Es dämmerte mir, dass ich doch so einiges an Konsumgütern, die die Welt nicht braucht, mir aber nützlich erschienen, verpasst hatte, und das galt es schleunigst zu ändern.
Es fing mit Nordic walking sticks an, und von da an bekam ich fast täglich ein Paket von Temu. Das fühlte sich wie Weihnachten oder Geburtstag an, obwohl mir weder an Weihnachten noch an Geburtstagen etwas liegt. Im Zuge der Selbstoptimierung kann ich inzwischen einen Kosmetikladen aufmachen: 15 Lippenstifte und den passenden Nagellack nebst USB-aufladfähige Nagellackschnelltrockengeräte, verschiedene Haarprodukte, um Locken und farbige Haarsträhnen zu simulieren, sowie einen Lockenstab um bei Nichtfunktionieren der Gels mit moderner Hightech nachhelfen zu können. Magnesiumpräperate für die Flexibilität der Gelenke, respektive Bienenwachscremes bei Muskelkater durch zu häufiges Rumliegen auf der Couch. Und jede Menge Ohrringe und Ketten aus Blech, passend zur jeweiligen Pulloverfarbe oder Stimmung. Jetzt konnte ich aber noch lange nicht Aufhören. Mein Kleiderschrank platzt aus allen Nähten, da mußten schon Etagenbügel her. Unterhosen (kann man nie genug haben), Strümpfe, Strumpfhosen, Bademantel, und jede Menge Schuhe und einem Paar Cowboystiefel, weil ich immer schon mal Cowboystiefel besitzen wollte, auch wenn sie in diesem Fall aus plastikgeneriertem Material sind (Lederstiefel sind unangenehm teuer - auch gebrauchte) - alles mit passendem Schuhspannerweiterungsgerät, weil sie meistens ein bißchen zu eng sind. Und so ging es immer weiter. Der Platz hier würde nicht ausreichen, um weitere Ergebnisse meiner Einkaufsrauschepisoden aufzuführen. Irgendwann stellte ich fest, dass mein Bankkonto sich in einem desaströsen Minusbereich befand, und ich war gerade dabei, mich mental damit zu beschäftigen, die Temu-App ein für allemal aus meinem digitalen Leben zu entfernen, da wurde ich über Nacht zur stolzen Besitzerin von weit über 100 Venylschallplatten. Die brauchten natürlich ein angemessenes Zuhause. Ich bestellte Regale, Plattenständer und -halterungen, die ich dann mit eines Nachbars freundlicher Hilfe installieren konnte. Auf die Schnelle dann noch eine kältespendende Bettdecke für die heißen Nächte im Sommer in den Warenkorb sowie gefühlt 1000 Lesebrillen, die jetzt in jeder Ecke der Wohnung rumliegen,damit dieses ewige Suchen nach einer geeigneten Brille endlich aufhört.
Entweder ich brauche eine Antikauftherapie oder lasse meine Kreditkarte für Temu sperren. Aber ich könnte mein Suchtpotenzial auch in diesem Fall mit dem mir verbliebenen Verstand in den Griff kriegen, da ich nun alles besitze, was es bei Temu zu kaufen gibt.
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