Monikas Geschichten
 

 


Früher war ich Minimalistin

Und mein Leben war einfach, und ich lebte in der Illusion, nicht ganz so viele Ressourcen zu verbrauchen, wie andere Menschen in unserer konsumorientierten, auf Wachstum basierenden Gesellschaft, um damit auch dem Klimawandel ein Schnäppchen zu schlagen, indem ich meinen persönlichen CO 2 Fußabdruck reduziere und nur das kaufe, was ich zum Leben dringend benötige. Ein bißchen Luxus darf natürlich dabei sein, wie mein heißgeliebter Twingo und mein IPhone sowie Tablet, die ich beide höchstens zu 5% zu nutzen weiß, aber immerhin kommunikationsförderlich ist. 
Ich lebte ein Leben, in dem ich mit den Kindern auch mal mit dem Fahrrad in den Urlaub fuhr, so z.B nach Dänemark oder Holland. Auch zur Arbeit ließ sich das Fahrrad, wenn es nicht gerade in Strömen regnete oder extreme Minusgrade herrschten (das gab es vor dem Klimawandel auch in Bremen noch) einsetzen. Meine Küchenausstattung war minimalistisch. Keine Mikrowelle, kein Airfryer (den ich inzwischen mein eigen nenne) keinen Kaffeeautomaten, ein Porzellanfilter mit einem Papierfilter macht auch sehr guten Kaffee, Latte Macchiato und Espresso gab es, wenn es denn mal gewünscht wurde, in einem Café. Eine Stereoanlage mit dem besten Sound aller Zeiten, haben wir auch nie besessen. Ein stinknormaler Plattenspieler hat unseren ungeschulten Ohren auch Genüge getan. In Kanada habe ich dann gelernt Wasser zu sparen. Das Trinkwasser mußte ich von der 6 km entfernt liegenden Quelle eigenhändig in 10 Liter Kanistern nach Hause schleppen, und das Brauchwasser wurde per Tankwagen angeliefert. Da wurde jeder Tropfen recycelt. In meiner Cabin kam der Strom nicht aus der Steckdose sondern mittels eines kleinen Generators, den ich aber auch nur anwarf, wenn ich alle sechs Wochen mal den Staubsauger zum Einsatz bringen wollte. 
Und dann kam Temu in mein Leben, und ich wurde ein anderer Mensch. Zuerst wollte ich nur mal schauen, was es alles für Schrott im Angebot auf diesem Planeten gibt. Plötzlich wurde mir bewußt, dass es Dinge gibt, von deren Existenz ich bis dato niemals erfahren hatte. Es dämmerte mir, dass ich doch so einiges an Konsumgütern, die die Welt nicht braucht, mir aber nützlich erschienen, verpasst hatte, und das galt es schleunigst zu ändern.
Es fing mit Nordic walking sticks an, und von da an bekam ich fast täglich ein Paket von Temu. Das fühlte sich wie Weihnachten oder Geburtstag an, obwohl mir weder an Weihnachten noch an Geburtstagen etwas liegt. Im Zuge der Selbstoptimierung kann ich inzwischen einen Kosmetikladen aufmachen: 15 Lippenstifte und den passenden Nagellack nebst USB-aufladfähige Nagellackschnelltrockengeräte, verschiedene Haarprodukte, um Locken und farbige Haarsträhnen zu simulieren, sowie einen Lockenstab um bei Nichtfunktionieren der Gels mit moderner Hightech nachhelfen zu können. Magnesiumpräperate für die Flexibilität der Gelenke, respektive Bienenwachscremes bei Muskelkater durch zu häufiges Rumliegen auf der Couch. Und jede Menge Ohrringe und Ketten aus Blech, passend zur jeweiligen Pulloverfarbe oder Stimmung. Jetzt konnte ich aber noch lange nicht Aufhören. Mein Kleiderschrank platzt aus allen Nähten, da mußten schon Etagenbügel her. Unterhosen (kann man nie genug haben), Strümpfe, Strumpfhosen, Bademantel, und jede Menge Schuhe und einem Paar Cowboystiefel, weil ich immer schon mal Cowboystiefel besitzen wollte, auch wenn sie in diesem Fall aus plastikgeneriertem Material sind (Lederstiefel sind unangenehm teuer - auch gebrauchte) - alles mit passendem Schuhspannerweiterungsgerät, weil sie meistens ein bißchen zu eng sind. Und so ging es immer weiter. Der Platz hier würde nicht ausreichen, um weitere Ergebnisse meiner Einkaufsrauschepisoden aufzuführen. Irgendwann stellte ich fest, dass mein Bankkonto sich in einem desaströsen Minusbereich befand, und ich war gerade dabei, mich mental damit zu beschäftigen, die Temu-App ein für allemal aus meinem digitalen Leben zu entfernen, da wurde ich über Nacht zur stolzen Besitzerin von weit über 100 Venylschallplatten. Die brauchten natürlich ein angemessenes Zuhause. Ich bestellte Regale, Plattenständer und -halterungen, die ich dann mit eines Nachbars freundlicher Hilfe installieren konnte. Auf die Schnelle dann noch eine kältespendende Bettdecke für die heißen Nächte im Sommer in den Warenkorb sowie gefühlt 1000 Lesebrillen, die jetzt in jeder Ecke der Wohnung rumliegen,damit dieses ewige Suchen nach einer geeigneten Brille endlich aufhört.
Entweder ich brauche eine Antikauftherapie oder lasse meine Kreditkarte für Temu sperren. Aber ich könnte mein Suchtpotenzial auch in diesem Fall mit dem mir verbliebenen Verstand in den Griff kriegen, da ich nun alles besitze, was es bei Temu zu kaufen gibt.

 
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